Hülsdonk: Gleichbehandlung der handwerklichen Ausbildung muss her

Dass der Staat vor allem die akademische Ausbildung fördert, sieht Kfz-Bundesinnungsmeister Wilhelm Hülsdonk als großes Problem: „Die fehlende finanzielle Unterstützung ist eine völlige Ungleichbehandlung seitens des Staates“. Das Gespräch führten Wolfgang Michel, Chefredakteur von »kfz betrieb«, Jan Rosenow und Steffen Dominsky, Redakteure von »kfz betrieb«.

Redaktion: Sie haben 1975 Ihre Meisterprüfung abgelegt und direkt den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Warum sollten junge Menschen diesen Weg im Jahr 2020 noch einschlagen?

Wilhelm Hülsdonk: Die Worte Erfüllung, Leidenschaft, Selbstbestimmung, Herausforderung sowie Verantwortung bringen es für mich auf den Punkt. Gerade deshalb empfehle ich jungen Menschen aus voller Überzeugung, diesen Weg einzuschlagen. Denn jeder, der seine Selbstständigkeit mit Leidenschaft lebt, hat ein erfülltes Arbeitsleben. Im Gegensatz zum Hörsaal oder Großraumbüro gibt es in unserer Branche Tag für Tag und Woche für Woche viele spannende Herausforderungen.

Werden diese Herausforderungen am Ende auch belohnt?

Ich sage immer, mein Kapital kommt jeden Morgen auf zwei Beinen zur Tür herein. Das ist meine Wertewelt als Unternehmer. Als Gesellschafter eines Kfz-Betriebs mit einer motivierten Truppe bekommt man eine ganze Menge zurück. Erfüllung ist diesbezüglich schon das richtige Wort.

„Die Berufsbildung ist in der DNA des Verbands verankert, jetzt geht es darum, die Berufsbildung auf einen neuen Level zu heben.“ Das waren Ihre Begrüßungsworte beim Treffpunkt Berufsbildung im November letzten Jahres. Wie sieht der neue Level für Sie aus?

Der neue Level hat sehr viel mit Digitalisierung zu tun. Es geht darum, unsere handwerklichen und damit klassisch analogen Ausbildungsformate mit den vielfältigen digitalen Möglichkeiten zu kombinieren. Der Digitalisierungsgrad heutiger Autos und der damit verbundenen Technologien muss sich zwangsläufig in der heutigen Berufsausbildung widerspiegeln. Das heißt, wir müssen die Bildungsformate weiter digitalisieren.

Was meinen Sie damit konkret?

Beispielsweise Lernfelder oder Berichtshefte, die die Azubis während ihrer mehrjährigen Lehre begleiten. Mit ihren Smartphones und Tablets müssen die jungen Menschen überall Zugriff auf diese digitale Wissensvermittlung sowie ihre digitalen Berichtshefte haben. Und natürlich endet die Ausbildung perspektivisch mit einer digitalen Gesellenprüfung.

Gibt es weitere digitale Herausforderungen im Rahmen der Ausbildung?

Aber sicher! Im Gegensatz zu früher wird es für die Berufsbildungszentren immer schwieriger, aktuelle Autos beziehungsweise neue Antriebstechnologien wie Elektro oder Hybrid für die Ausbildung vor Ort zu beschaffen. In der Folge müssen wir auch hier viel stärker als bisher digitale Lernformate einsetzen. Bildlich gesprochen werden die Auszubildenden künftig gemeinsam mit ihren Ausbildern digital in einen Motor oder in ein Getriebe hineingehen, um Fehlersuche und Reparaturmethoden digital zu erlernen.

Das hört sich sehr modern an, aber lässt sich das Ganze real auch umsetzen?

Zum einen gilt es diesbezüglich noch verschiedene handwerksrechtliche Verordnungen zu modernisieren. Zum anderen können wir diese Herkulesaufgabe nur gemeinsam mit den Ausbildern, Berufsschulen und Ausbildungszentren sowie kompetenten ELearning-Anbietern stemmen.

Nachdem die Zahl der neu abgeschlossene Azubi-Verträge im Kfz-Gewerbe fünf Jahre lang zulegte, ist sie 2019 leicht gesunken. Wie bewerten Sie den Rückgang?

Wir rechneten schon im Jahr zuvor mit einer Stagnation oder einem leichten Rückgang bei den Ausbildungszahlen. 2019 ist die Gesamtentwicklung bei der dualen Ausbildung auch im Kfz-Gewerbe angekommen. Für mich besteht jedoch kein Grund zur Panik.

Warum nicht?

Autoberufe genießen bei den jungen Menschen nach wie vor eine große Attraktivität. Wir sind schon ein wenig stolz darauf, dass unser/e Kfz-Mechatroniker/in mit weitem Abstand auf dem ersten Platz aller handwerklichen Ausbildungsberufe liegt. Das belegt eindrucksvoll, dass das Kraftfahrzeuggewerbe immer noch einen unheimlich beliebten Beruf anbietet, was mich persönlich sehr freut.

Ob Pkw oder Nutzfahrzeug, ob Verbrennungsmotor oder Elektroantrieb, ob Diagnose oder Karosserie und Lack – bekommt das Kfz-Gewerbe noch die notwendigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um den vielfältigen Automobilservice in Zukunft sicherzustellen?

Neben der demografischen Entwicklung mit immer weniger Schülerinnen und Schülern kommt folgender Aspekt hinzu: Der jahrelange Werbefeldzug – sowohl von Gesellschaft als auch von Politik und der OECD – für die akademische Ausbildung hat spürbare Konsequenzen für das Handwerk. Die Mehrzahl der jungen Leute wählt heute eine akademische Ausbildung. Und wenn die Schulabgänger eines Jahrgangs in die Hörsäle verschwinden, dann stehen sie für die gewerbliche Ausbildung nicht zur Verfügung. Das ist eine absolute Fehlsteuerung und erschwert die Nachwuchsgewinnung.

Lässt sich diesbezüglich gegensteuern?

Die Bundesregierung beziehungsweise die Bundesländer könnten dagegensteuern, indem sie Studium und Ausbildung absolut gleich behandeln und finanziell identisch unterstützen.

Wie meinen Sie das?

Die akademische Ausbildung wird vom Staat finanziert, die Universität wird vom Staat bezahlt, das öffentliche Nahverkehrsticket, der Dozent, der Professor – alles bezahlt der Staat. Ich war viele Jahre Obermeister und musste in dieser Zeit bei meinen Innungsbetrieben Geld einsammeln, damit wir selber ein Ausbildungszentrum bauen konnten. Unsere Gesellen, die in diesen neuen Ausbildungszentren ihre Meisterprüfung machen, müssen die Lehrgänge dann auch noch selbst bezahlen. Das meine ich mit kompletter Fehlsteuerung. Die fehlende finanzielle Unterstützung ist eine völlige Ungleichbehandlung seitens des Staates. Ich plädiere dafür, die gewerbliche Ausbildung mindestens genauso finanziell zu unterstützen, wie das bei den akademischen Laufbahnen der Fall ist.

Warum sollte sich am bisherigen Modell etwas ändern?

Weil wir gemeinsam mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) an diesem Ziel arbeiten. Alle Vertreterinnen und Vertreter der handwerklichen Verbände sprechen über die Ungleichbehandlung zwischen akademischer und handwerklicher Berufsausbildung mit den Politikerinnen und Politikern in ihren jeweiligen Regionen. Es geht darum, dass das Handwerk endlich gehört wird.

Gibt es ein Beispiel, wo es gehört wird?

Elke Büdenbender, die Ehefrau unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, unterstützt unsere gemeinsame Kampagne vor hochkarätigem Publikum. Und natürlich sprechen der ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer und alle Verbandsvertreter beinahe jeden Tag über dieses Thema. Noch konnten wir keine allzu großen Erfolge feiern. Aber durch unsere gemeinsame Kampagne werden wir in Sachen handwerkliche Berufsausbildung auf der politischen Bühne immer stärker wahrgenommen. Jetzt gilt es weiter hartnäckig und zielstrebig an dieser Thematik weiterzuarbeiten.

Warum ist das Kfz-Gewerbe für Sie auch im neuen Jahrzehnt noch ein attraktiver Arbeitergeber?

Auch wenn sich die Mobilität zukünftig weiter verändert, bin ich fest davon überzeugt, dass die individuelle Mobilität eine Zukunft haben wird. Unter dem Dach des Kraftfahrzeuggewerbes wird diese vielfältige Mobilität in all ihren Ausprägungen subsumiert. Den Beweis dafür haben wir bei der Elektromobilität bereits angetreten. Das Kfz-Gewerbe wird auch kommende Technologien beherrschen. Somit bieten wir vielen Jugendlichen, die Spaß und Freude an einem anspruchsvollen Job haben, eine berufliche spannende Perspektive. Wir werden ein attraktiver Arbeitgeber bleiben, davon bin ich fest überzeugt. Von Spaß und Freude allein können die jungen Menschen nicht leben. Sie müssen auch ausreichend Geld verdienen. Im Kraftfahrzeuggewerbe wird gutes Geld verdient. Der Fachkräftemangel versetzt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in eine komfortable Verhandlungsposition. Niemand muss sich unter Wert verkaufen. Und auch die Auszubildenden werden vom Kraftfahrzeuggewerbe ordentlich bezahlt. Nach fast 20 Jahren haben Kfz-Handwerk und Bildungspolitik die Meisterverordnung überarbeitet.

Die neue Meisterprüfung tritt am 1. Juli 2020 in Kraft. Was sind für Sie die wichtigsten Neuerungen?

Das Wichtigste war, die Meistertätigkeiten der heutigen Zeit abzubilden. 2020 muss der Meister nicht mehr der beste Schrauber sein. Er muss sich unter anderem um Servicestrategien, Controlling, Kundenwünsche, Werkstattplanung und Qualitätsmanagement kümmern. All das und noch viel mehr ist in der neuen Meisterverordnung verankert.

Benötigt es im Zeitalter der Elektromobilität den Kfz-Meister beziehungsweise die Kfz-Meisterin überhaupt noch? Oder es eher den Elektroniker beziehungsweise den Elektroingenieur?

Der Kraftfahrzeugmeister ist nicht wegzudenken. Es gibt handwerksrechtliche Vorschriften, die erfüllt werden müssen. Handwerksrechtlich darf kein Meister eines anderen Gewerks eine Autowerkstatt betreiben. Dazu gehören auch die von Ihnen erwähnte Elektrik und Elektronik, welche das Kfz-Gewerbe im Übrigen seit vielen Jahren beherrscht. Denn auch wenn heutige E-Motoren größer und leistungsstärker sind, Elektromotoren im Automobil sind nicht wirklich etwas Neues.

Zur Person 

Wilhelm Hülsdonk ist seit 2005 Bundesinnungsmeister und ZDK-Vizepräsident. 1985 rückte er in den Vorstand der Kfz-Innung Niederrhein, deren Obermeister er zwischen 2000 und 2015 war. Anschließend wurde er zum Ehren­obermeister der Kfz-Innung Niederrhein ernannt. Zudem ist der Gesellschafter von „Autozentrum Stevens & Hülsdonk“ seit 2005 Vizepräsident beim Kfz-Gewerbe Nordrhein-Westfalen.

Auf dem Bild zu sehen: Bundesinnungsmeister Wilhelm Hülsdonk (links) mit seinem Auszubildenden Patrick Götze. 

(Bild: ZDK)

 

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