Die Zeichen stehen auf Neu: Kfz-Meisterprüfungsverordnung

Fast 20 Jahre blieb die Meisterverordnung unangetastet. Jetzt haben Kfz-Handwerk und Bildungspolitik nachgezogen, um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. René Gravendyk – Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses – verrät, was sich zum 1. Juli 2020 ändert. Das Interview führte Werner Degen, Chefredakteur von »autoFACHMANN/autoKAUFMANN«.

Werner Degen: Was ist neu am Kfz-Technikermeister? Wo liegen die wesentlichen Unterschiede in der Verordnung gegenüber der vorhergehenden?

René Gravendyk: Im Kern berücksichtigt die neue Meisterverordnung den immensen technologischen Wandel, den wir auf dem Automobilsektor im letzten Jahrzehnt zu verzeichnen hatten. Diese technologische Entwicklung muss die neue Meisterverordnung abdecken, damit wir die Inhalte für Aus- und Weiterbildung auf entsprechendem Niveau vorhalten können und für die Betriebe in konkurrenzfähige Kompetenz umsetzen. Elektromobilität, alternative Antriebe und Umweltschutz machen zudem Felder auf, die in der Meisterverordnung alter Prägung längst nicht in gebührendem Maße berücksichtigt wurden. Über die Handlungsorientierung der Prüfung kommt ein entsprechender Kompetenzgewinn in die Betriebe.

Gibt es bei den Fertigkeiten und Kenntnissen signifikante Änderungen gegenüber den alten Meisterprüfungsanforderungen?

Ja, gibt es! Servicedienstleistungen spielen sich heute in der Werkstatt auf einem völlig veränderten Niveau ab als noch vor zehn oder 15 Jahren. Elektronische Systeme bilden heute technisches Know-how in ungeheurer Komplexität ab. Diese zu überprüfen, muss auch gelernt werden.

Hat sich mit Blick auf die Lehrlingsausbildung das Anforderungsprofil für künftige Meister verändert?

Der Mensch und seine soziale Kompetenz spielen heute eine ganz andere Rolle als noch vor 15 Jahren. Informationsbeschaffung und -verarbeitung findet zwischenzeitlich einen völlig neuen, crossmedialen Niederschlag. Wenn früher ein Fachbuch gereicht hat, kommen heute E-Learning-Systeme, Informationen aus dem World Wide Web und sich permanent ändernde Informationen vom Hersteller hinzu. Erst die Summe der damit verbundenen Fähigkeiten versetzt Leute heute in die Lage, an modernen Automobilen zu arbeiten. Youtube und Smartphone tun ein Übriges, um Informationen abzurunden.

Gibt es nach wie vor eine Anrechnungsverordnung auf die Prüfung zum Kfz-Servicetechniker?

Hier sind wir mit den zuständigen Stellen im permanenten Dialog, um den technischen Part der Servicetechnikerausbildung so auszuprägen, dass er auch weiterhin auf die Meisterprüfung angerechnet wird. Die Ausbildung der Servicetechniker war und ist der praktisch relevante Teil der Meisterverordnung. So soll das auch bleiben. Davon profitieren die Betriebe und damit ihre Kunden.

Wie gliedert sich die künftige Meisterprüfung? Was ist Gegenstand des Prüfungsprojektes, wie sieht das Fachgespräch und wie die Situationsaufgabe aus?

Die neue Meisterprüfung gliedert sich im Teil I (praktische Prüfung) in ein neu eingeführtes Meisterprüfungsprojekt, das einem Kundenauftrag entspricht und ein darauf bezogenes Fachgespräch inklusive einer Beratung sowie einer Situationsaufgabe zur Vervollständigung der beruflichen Handlungskompetenz. Der Teil II (schriftliche Prüfung) gliedert sich in drei Handlungsfelder, die eine Annahme eines Fahrzeugs, die Durchführung der Leistung bis hin zur Übergabe des Fahrzeuges an den Kunden sowie die Führung und Organisation eines Kfz-Betriebes widerspiegeln sollen.

Wie wird in Zukunft die Bestehensregelung zu handhaben sein?

Zunächst werden im Meisterprüfungsprojekt die Planungsarbeit mit 30 Prozent, die Durchführungsarbeiten mit 50 Prozent und die Kontroll- und Dokumentationsarbeiten mit 20 Prozent gewichtet. Für das Gesamtergebnis der Prüfung in Teil I werden dann das Meisterprüfungsprojekt und das Fachgespräch im Verhältnis 3:1 gewichtet. Anschließend wird das hieraus folgende Ergebnis mit der Situationsaufgabe im Verhältnis 2:1 gewichtet. An der Bestehensregelung vom Teil II der neuen Meisterprüfung hat sich grundlegend nichts geändert.

Wie sind welche Teile der Prüfung gewichtet?

Teil I und Teil II sind gleich gewichtet und müssen separat bestanden sein.

Entwickelt sich der Meister langsam zum Manager, oder sind nach wie vor eher technische Fähigkeiten gefragt?

Die Meisterrolle ändert sich nicht erst mit der neuen Verordnung. Sie hat sich bereits im letzten halben Jahrzehnt dramatisch verändert. Der Meister ist nicht umsonst im DQ- und EQ-Rahmen gleichgesetzt mit der Stufe 6 im Hochschulabschluss, dem Bachelor. Organisation und Management, haben Handarbeit und praktisches Tun weitgehend abgelöst. Also ist die Frage „Entwickelt sich der Meister langsam zum Manager?“ eindeutig mit „Ja!“ zu beantworten.

Bildet die neue Meisterprüfung beispielsweise digitale Verkaufsprozesse ab, wie sie im Kfz-Betrieb von heute und morgen immer wichtiger werden?

Im Prozess um Fahrzeug- und Kundendaten haben sich die Abläufe auch komplett verändert. Das iPad ist heute allgegenwärtig als Datenträger und Organisationshilfe. Von der Preisbildung für bestimmte Inzahlungnahmen bis hin zur Reparaturkalkulation ist heute praktisch alles durchgehend digital abgebildet.

Spielen die Themen Mitarbeiterführung und –bindung künftig eine wichtigere Rolle?

Human Resources spielen eine ganz zentrale Rolle. Heute startet niemand mehr in den Beruf, der sich dazu nicht vorher die Details angesehen hat. Das gilt gleichermaßen für den Betrieb, die Marke und die Mitarbeiter. War früher einzig und allein die technische Kompetenz ausschlaggebend, kommt heute die soziale Kompetenz immer stärker hinzu. Junge Menschen wollen in einem geeigneten Umfeld mit geeig¬neten Menschen arbeiten und legen zudem großen Wert auf eine angemessene Work-Life-Balance.

Bleibt beim Meister-BAföG alles beim Alten?

Über die entsprechenden Neuerungen informiert die zuständige Handwerkskammer, wenn man sich zur Meisterprüfung anmeldet.

Wann greift die neue Regelung – gibt es Übergangszeiten?

Die neue Meisterprüfung wird am 1. Juli 2020 in Kraft treten. Begonnene Prüfungsverfahren werden allerdings noch nach den bisherigen Vorschriften zu Ende geführt. Erfolgt die Anmeldung zur Prüfung bis zum Ablauf des 31. Dezember 2020, so sind auf Verlangen des Prüflings die geltenden Vorschriften aus dem Jahr 2000 anzuwenden.

Bleibt die Rolle des Meisterprüfungsausschusses unverändert, oder gibt es hier Neuregelungen mit Blick auf die Eingabe seitens der zu Prüfenden?

Grundsätzlich bleibt die Rolle des Meisterprüfungs¬ausschusses unverändert. Er muss sich jedoch selbstverständlich auf die neuen Prüfungssituationen einstellen und die Prüfungsaufgaben entsprechend anpassen. Der ZDK bietet im Übrigen auch Workshops für die Durchführung der neuen Meisterprüfung an.

Zur Person:

René Gravendyk ist Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses (BBA) beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Als ehrenamtliches, federführendes Gremium des ZDK berät der Ausschuss über alle berufsbildungsrelevanten Inhalte wie beispielsweise die Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Jedes Bundesland ist mit einem Mitglied im BBA vertreten. Dazu gehören gleichermaßen Unternehmer sowie Lehrer an berufsbildenden Schulen und Funktionäre des Zentralverbands. Zurzeit hat der Berufsbildungsausschuss eine Doppelspitze: René Gravendyk und Anselm Lotz sitzen dem BBA vor. 

(Bild: Werner Degen/»autoFACHMANN/autoKAUFMANN«)

 

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