„Die Werkstatt von morgen wird anders sein“

Da sich die Fahrzeugtechnik und die Formen der Mobilität ständig wandeln und anspruchsvoller werden, muss sich auch die Suche nach geeignetem Nachwuchs stetig verändern. Nina Eskildsen, Präsidentin des Kfz-Gewerbes Schleswig-Holstein, erklärt, wie das gehen könnte. 

Das Interview führte Werner Degen, Chefredakteur von »autoFACHMANN/autoKAUFMANN«.

Werner Degen: Frau Eskildsen, Sie sind seit rund einem Jahr Präsidentin des Kfz-Gewerbes Schleswig-Holstein. Hier werden traditionell gute Ausbildungsergebnisse erzielt. Kann man sich da getrost zurücklehnen, oder ist in Zukunft ein rauerer Wind zu befürchten, der dazu zwingt, die Stellschrauben, die ein Betrieb hat, neu zu justieren?

Nina Eskildsen: Auch wenn der Kfz-Mechatroniker der beliebteste Ausbildungsberuf ist, können wir nicht per se davon ausgehen, dass sich diese Entwicklung fortschreibt. Die künftige Herausforderung wird durch die technische Entwicklung der Fahrzeuge definiert. Neue Antriebskonzepte und rasante Fortschritte bei der Konnektivität der Fahrzeuge ziehen veränderte Qualifikationsanforderungen nach sich, denen wir beim Recruiting Rechnung tragen müssen. Die Werkstatt von morgen wird anders sein, die Kfz-Mechatroniker auch! Wir werden zum Beispiel auch in der Werkstatt IT-Spezialisten brauchen.

Sie glauben, die Berufsbildveränderung, die sich technikgetrieben ergibt, ist im allgemeinbildenden Schulsystem noch nicht angekommen. Muss dies von Arbeitgeberseite stärker kommuniziert werden?

Wir müssen uns auf allen Ebenen umsehen! Allgemeinbildende Schulen – auch die höheren – sind das eine. Wir haben aber bei uns auch schon gute Erfahrungen mit Studienabbrechern gemacht, die wir gezielt suchen und denen wir mithilfe des Herstellers spezielle Entwicklungsmöglichkeiten anbieten. Eine systematische Suche lohnt sich, wenn anschließend adäquate Aus- und Weiterbildungsangebote folgen. Wir arbeiten über den Unternehmerverband auch erfolgreich mit Gymnasien zusammen, die Interessierte gezielt auf Praktikumsmöglichkeiten in unseren Häusern hinweisen. Auf diese Weise finden die Betreffenden zu einer Ausbildung im Kfz-Gewerbe.

Das Praktikum war und ist – unabhängig vom schulischen Abgangslevel – einer der erfolgversprechendsten Wege, um herauszufinden, ob jemandem ein Beruf gefallen könnte oder ob er besser die Finger davon lässt.

Ganz sicher! Wichtig ist, dass man es richtig macht. Die Situation, dass ein Mitarbeiter morgens in den Betrieb kommt und dann feststellt: Ups, da sitzt ja einer, das muss der Praktikant sein, die sollte der Vergangenheit angehören. Zu einem professionellen Praktikum gehört eine professionelle Begrüßung, wenn ein Interessent das erste Mal den Betrieb betritt. Das Stichwort heißt Wertschätzung! Ein systematischer Durchlaufplan mit Tageszielen und Abschlusskontrollen ist erforderlich, um abschließend sagen zu können: Der passt zu uns – oder auch nicht. Und wenn ja, dann heißt es: nacharbeiten und Kontakt halten! 

Wie kann das aussehen? 

Da gibt es viele Möglichkeiten. Zum Beispiel anrufen, zum Tag der offenen Tür einladen oder zu einem interessanten Event, einem Sportereignis oder einem Wettbewerb, von dem man weiß, dass der- oder diejenige daran interessiert ist. Und last but not least: Zum Bewerbungsgespräch einladen. Vielleicht baut man in das Praktikum sogar ein Bewerbertraining ein, um diejenigen, die man für interessant hält, gleich aufs Gleis zu setzen. Dann kommt mancher Ball von alleine ins Rollen.

Das setzt sehr engagierte Durchführungsverantwortliche voraus.

Absolut! Hier liegt ein Schlüssel für den Erfolg. Man muss diejenigen, die diese Verantwortung übernehmen sollen, gezielt aussuchen. Dafür eignet sich längst nicht jeder. Aber wenn ich diese Verantwortung delegiere, übertrage ich einen immens wichtigen Teil der Personalauswahl auf meine Mitarbeiter, für deren Eignung ich dann sorgen muss. Man muss also in die eigene Mannschaft hinein vermitteln, wie sich Bedarfe verändert haben.

Wie sieht es vor dem Praktikum aus – lassen sich junge Menschen in der allgemeinbildenden Schulphase gut erreichen? 

Wenn wir als Firma in die Schulen gehen, ist das ein Bohren dicker Bretter. Die Vorinformationen sind oft dürftig. Ein konkretes Interesse haben viele Schüler noch nicht ausgeprägt. Aber es lohnt sich, professionell zu präsentieren, weil wir ja technisch jede Menge Interessantes zu bieten haben. Auch die Marken, für die man steht, spielen eine gewisse Rolle. Ausbildungsmessen werden zur Orientierung genutzt. Hier sollte man präsent sein. Und ganz wichtig: Man muss irgendwie Eltern und Freunde erreichen.

Irgendwie? 

Zum Beispiel durch gezielte Informationen, die man der Rechnung beilegt, oder durch Azubi-Botschafter, denen man Raum für eigene Auftritte verschafft. Unternehmerische Kreativität ist gefragt.

Worauf muss man heute sonst noch achten, inwieweit haben sich die Ansprüche heutiger Bewerber gegenüber Bewerbern in der Vergangenheit verändert?

Man muss heute viel weitgehender informieren. Bewerber wünschen sich Infos zur Branche, Infos zum Unternehmen und zum Gehalt, zu Rahmenbedingungen sowie zu Benefits. Junge Menschen wollen heute genau wissen, worauf sie sich einlassen und wohin sie mitgenommen werden in Sachen Ausbildungsverlauf und -inhalt. Familienfreundlichkeit oder Work-Life-Balance sind „Points of Interest“, die vor zehn Jahren praktisch keine Rolle gespielt haben, heute aber mitentscheidende Kriterien sein können. Die Nummer „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ funktioniert heute nicht mehr. Das muss man auch in die Mannschaft hinein vermitteln.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Thema duale Ausbildung?

Aus meiner Sicht eine extrem wichtige. Erst wenn alle Partner in der Berufsausbildung – also Betrieb, Berufsschule und überbetriebliche Ausbildung – einen guten Job machen, wird am Ende ein Schuh daraus. Die Weiterbildung der Lehrkräfte spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Der Kfz-Landesverband Schleswig-Holstein ist hier sehr aktiv und setzt jedes Jahr Weiterbildungsveranstaltungen auf, die auch gut angenommen werden. Die Ausbildung wird in qualitativen Hinsicht entsprechend wahrgenommen.

(Bild: Verband des Kfz-Gewerbes Schleswig-Holstein)

 

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